Das Deutsche Theater muss überleben

Wenn ich donnerstagabends mit meiner interkulturellen Aktivistengruppe vorm „denn’s Biomarkt“ in der Schanzenstraße Flyer für unsere Veranstaltung „Schafe schächten im Hobbykeller für Veganer*innen“ verteile, denke ich mir nichts, dir nichts gern kurze Szenen für die Theaterbühne (ausdrücklich nicht fürs Hoftheater!) aus.

Zum Beispiel:

Die Unmöglichkeit des Scheiterns eines Zynikers an seinem 60. Geburtstag [für Peter A.]
[Zwei männliche Silhouetten [S1 und S2] vor Scheinwerfern, die in den Zuschauerraum gerichtet sind.]
Stimme aus dem Off: An einer Landstraße, die von überall nach überall führen kann. In einer Zeit, die aus dem Nichts ins Nichts führt.
S1: Es ist wirklich schlimm.
S2: Es war wirklich schlimm.
S1: Wird es wirklich schlimm?
S2: Schlimm!
S1: Ich kannte mal einen Weihnachtsbaumverkäufer, der Fremdenführer war und Buchhalter wurde.
S2: Und was hat er gesagt?
S1: Er hat geschrieben.
S2: Oh.
S1: Aber keiner hat’s gelesen.
S2: Vielleicht hätte er Politiker werden sollen.
S1: Dazu war er zu ambitioniert.
S2: Als Buchhalter?
S1: Er hatte ein großes Sicherheitsbedürfnis.
S2: Hatte er Rücklagen gebildet?
S1: Nein.
S2: Hm.
S1: Er war faul und übernachtete nur in Bed and Breakfasts mit einer booking.com-Bewertung über 9,5.
S2: Schlimme Zeiten.
S1: Es waren schlimme Zeiten.
S2: Es werden schlimme Zeiten.
S1: Ich habe mich noch nie so unfrei gefühlt wie in Berlin.
S2: In Berlin ist es tatsächlich nicht zum Aushalten.
S1: Ich hasse dich, Claus Peymann.
S2: Ich hasse dich auch, Chris Dercon.
[Die Silhouetten wenden sich und streben einander zu. Kurz bevor die Scherenschnitte ihrer Köpfe sich vereinigen: Auftritt von links: Harald S.]
Harald S.: Grüße!
Peymann: Wieso kommst Du von links, Du, der Du einer der bekanntesten deutschen Entertainer bist und zum 60. Geburtstag verbrannte Erde hinterlässt?
Dercon: Das frage ich mich auch, mein lieber teurer Claus, das frage ich mich auch.
Harald S.: Während es bei Euch nur noch um links oder rechts geht, geht es bei mir um oben oder unten.
[Abgang Harald S. nach oben mittels Hebebühne, eine einzelne Posaune spielt „Zum Geburtstag viel Glück“.]
Dercon: Komm, wir gehen!
Peymann: Wir können nicht.
Dercon: Warum nicht?
Peymann: Wir warten auf Damien Hirst.
Dercon: Ah!
[Die Scheinwerfer verdunkeln sich langsam. Auftritt von rechts: Harald S. zieht einen Bollerwagen hinter sich her, auf dem ein gläserner Behälter mit einem in Formaldehyd eingelegten Tigerhai montiert ist.]
Stimme aus dem Off: Und während der Tigerhai verweste, stieg der Wert der physischen Unmöglichkeit des Todes in der Vorstellung eines Lebenden.
Peymann: Es wird nie enden.
Dercon: Der Tod ist der wirkliche Betrüger.
[Vorhang.] 

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