Der Schriftsteller: Schafe auf dem Friedhof

Nils – und das glaubt mir ja kaum einer – ist ein passabler Schriftsteller.

Als Beleg soll diese Kurzgeschichte dienen, die vor einigen Tagen in einem kleinen Bed & Breakfast in der absoluten Abgelegenheit Mayos entstanden ist. Es regnete, das Irish Pale Ale schmeckte, der Poitín wärmte, die Muse küsste.

Schafe auf dem Friedhof

Der alte Mann bekreuzigt sich. Er neigt zunächst seine Stirn seinen ausgestreckten Fingern zu. Die Finger ballt er nun zur Faust. Mit der Faust schlägt er sich nacheinander auf die Brust, auf die linke und schließlich auf die rechte Schulter. Er schlägt zu fest zu. Leidvolle Schläge. Feste Schläge wie mit dem Hammer auf die Nägel. Nägel, die Fleisch und Knochen durchschlagen. Jeder Schlag verleiht seinem Gesicht einen schmerzvollen Ausdruck.
Er presst nun seine flachen Handflächen aufeinander und lehnt seinen geneigten Kopf auf die Spitzen von Zeige- und Ringfinger, die Augen fest verschlossen. Der alte Mann im kurzen Zwiegespräch mit dem noch viel älteren Mann da oben. Noch einmal schlägt er in konzentrierter Heftigkeit das Kreuz. Das Kreuz schlagen als Akt der Selbstgeißelung.
Kurz zuvor hatte die Kellnerin einen Teller vor den alten Mann gestellt. Wie die heilige Dreifaltigkeit teilen sich der Kartoffelstampf, der Möhrenstampf und die von Soße glänzenden Lammfleischscheibchen den Teller zu gleichen Teilen. Eine großzügige Portion dampft nun vor dem dankbaren Geschlagenen. Mir gefällt die Ästhetik der Einfachheit des irischen Gerichts. Ich unterstelle ihm Ehrlichkeit. 
Dem alten Mann mit dem weißen Haar und mit dem weißen Bart, der mit einer roten Pudelmütze auf dem Kopf dieses seit Generationen im Städtchen Westport im County Mayo ansässige Café betreten hatte, unterstelle ich Schmerz und Traurigkeit und Religiosität. 
Schmerz und Traurigkeit kenne ich, um die Religiosität beneide ich ihn. Schmerz, Traurigkeit, Religiosität. Auch solch eine Dreifaltigkeit.
Ich würde dem alten Mann das gern sagen. Dass ich ihn um seine Religiosität beneide. Dass ich seinen Schmerz und seine Traurigkeit teile. Dass ich sie hier in Irland am Besten ertrage, mich ihnen hier ehrlicher stellen kann als sonst irgendwo. Dass ich hier in Irland der Symbolik des keltisch geprägten Katholizismus mehr und mehr verfalle. Den keltischen Kreuzen, den Marienfiguren, den Christusbildnissen, den verfallenen Kirchen und Abteien. Und doch kommt die Faszination ohne Glauben. Meine Faszination braucht keinen Glauben. Benötigt die Spiritualität den Glauben? Kommt sie ohne ihn aus? Macht sie ohne ihn Sinn? Und macht Glauben überhaupt Sinn? Und muss er das? Warum muss irgendwas Sinn machen? Wenn nichts mehr Sinn machen muss, das wär’s.
Statt dem alten Mann das zu sagen, bleibe ich schweigend sitzen. Meine kulinarische Dreifaltigkeit aus Krabbenfleisch-Brot und Kartoffelsalat und Coleslaw ist schon verspeist. Ich habe mich nur bei der Kellnerin für die Speise bedankt. Ich bin sonst niemandem etwas schuldig. Der Tee ist noch zu heiß, als dass ich ihn trinken könnte.

dsc01945Der alte Mann hält die Gabel fest in seiner Hand mit seinen groben und dicken und rauen Fingern. Er spießt mehrere Lammfleischscheibchen auf einmal auf. Langsam hebt er die Hand mit der Gabel, während er ebenso langsam den Mund öffnet, den er wiederum der empor reisenden Gabel zuneigt. Langsame und bedächtige und angestrengte Bewegungsabläufe.
Im Alter synchronisiert sich der körperliche Schmerz mit dem inneren Schmerz. Um das äußere und das innere Leiden im Warten auf den Tod erträglich zu gestalten, ist Religiosität von Nutzen. Gleichzeitig ist sie der Quell weiteren Leidens. Das Kreuz schlagen. Selbstgeißelung. Nutzen muss keinen Sinn haben.

Ich gieße noch etwas mehr Milch in den Tee. Und denke an die Schafe auf dem zugewachsenen Friedhof irgendwo im Nirgendwo. Irgendwo im Nirgendwo in den Sümpfen von Connemara. Ein Friedhof so überwuchert, dass nur noch die keltischen Kreuze auszumachen sind, die sich über dem tiefen grünen Teppich erheben. Eingefasst von einer groben Steinmauer, die noch der Zeit widersteht. Nur in einer kleinen Ecke hat man die wuchernden irischen Wildpflanzen zurückgedrängt und zwei liegende Steinquader mit jeweils einem Kreuzrelief und einen stehenden Grabstein mit gravierter schwarz angelaufener Messingplakette freigelegt. Ein niedriges und rostiges und rotes Tor in der Lücke der Steinmauer führt zu dieser kleinen Insel der Sorgfalt. Auf einem verwitterndem Schild wird darum gebeten, das Tor geschlossen zu halten. Das Tor ist geöffnet. Und Schafe konzentrieren sich auf der überwucherten letzten Ruhestätte vieler vergessener Seelen aufs Fressen. Von der Straße nicht zu sehen, öffnet sich hinter dem vergessenen Friedhof ein ruhiger See. Zwischen Friedhof und Straße steht eine weiß gestrichene Kirche, ihr gegenüber eine weiß gestrichene Jesusfigur in rotem Umhang, die ein Auge auf sie hat. Schafe auf einem Friedhof irgendwo im Nirgendwo in den Sümpfen von Connemara. dsc01808
Ich möchte dem alten Mann von diesen Schafen auf diesem Friedhof erzählen. Ich möchte dem alten Mann irgendetwas erzählen. Ich fühle mich nicht in der Lage, das Wort zu ergreifen. Als er den Raum betrat, wusste ich, dass er sich zu mir setzen würde. Alle anderen Tische waren besetzt. Er hätte sich auch zu einer älteren Dame setzen können. Doch ich war der einzige, der ihn stumm gegrüßt hatte. Weiß er denn nicht, dass ich ihm keine Linderung schaffen kann? Dass ich mich dazu nicht in der Lage fühle? Zumindest nicht jetzt.
Der Tee hat nun eine angemessene Temperatur, so dass er mich nicht innerlich verbrennen kann. Die Wärme stürzt meinen Hals hinunter und verteilt sich in meinem Brustkorb. Ich versuche, den Blick des alten Mannes mit meinem Blick einzufangen. Er achtet nicht auf mich. Er widmet sich voll und ganz seiner wundervollen Mahlzeit. Ich wünsche mir, ich könnte seinen Schmerz nicht spüren. 
Ich lächle ihn an. Er beachtet mich nicht.
Vielleicht ist Gott ein alter trauriger schmerzerfüllter Ire. Vielleicht könnte ich dann wieder glauben.

Ich gieße noch einmal aus der kleinen bauchigen Eisenkanne nach und stelle sie zurück auf die gelbe Linoleumdecke mit rotem Blumenmuster. Der Schuss Milch kommt aus einer üblichen Keramikmilchkanne.

Meine Gedanken wandern zurück zu den Schafen auf dem vergessenen Friedhof irgendwo im Nirgendwo in Connemara. Wenn man auf den Hügel neben dem Friedhof klettert, durch das dicke Gras, unter den Schuhsohlen das Schmatzen des Sumpfes, hier und da sinkt man bis zu den Knöcheln ein, dann sieht man in der Ferne an einem Hang hinter dem ruhigen See, der Kirche und Friedhof halbmondartig umschließt, den neuen Friedhof. Nur ein Viertel der Grabstätten sind belegt. Die neuen Toten haben die alten Toten längst vergessen. Es gibt keine Nachkommen, die auf dem alten Friedhof, meinetwegen in enger Kooperation mit den mähenden Schafen, die anderen alten Grabstätten jenseits des offenen und rostigen und roten Tores freilegen und sich an jene erinnern, die einst hier zur Ruhe gelegt wurden. Es sind nur Schafe, die über sie wachen. Was mögen das für Menschen gewesen sein, dass man sich nicht mehr an sie erinnert? 
Vielleicht ist es ganz gut, dass das rostig rote Tor, das geschlossen gehalten werden soll, offen bleibt. dsc01810

Vielleicht ist es ganz gut, dass ich meine Gedanken vor dem alten traurigen schmerzerfüllten Iren verberge. Wir sind in Westport, im County Mayo. Einigermaßen entfernt von Connemara und einem Friedhof irgendwo im Nirgendwo bei Recess im County Galway. Warum sollte ein Gott, an den ich nicht glaube, ausgerechnet hier, im Café über dem Delikatessenladen eine dampfende Dreifaltigkeit aus Möhrenstampf und Kartoffelstampf und Lammfleisch verspeisen? Vielleicht ist es ja nur sein Sohn. Und vielleicht ist er nicht am Kreuz gestorben. Sondern stirbt in Westport. Ein Sterben, das nicht zum Tod führt, ein Zustand ohne Erlösung, ein Anfang ohne Ende.

Ich leere meine Teetasse, klopfe meine Knöchel auf die Linoleumdecke, um endlich die Aufmerksamkeit des im einfachen, aber ehrlichen Gericht Vertieften zu gewinnen. Mein Blick fällt auf das Revers des groben schweren Jacketts. Ein Pin in Form einer irischen Harfe.
„I guess I have to go now, I have to leave you.“
Er schaut mich an, sein Blick öffnet sich wie jener eines Kindes, das aus einer konzentrierten Spielerei gerissen wurde und nun all die Erwartung in seinen Blick legt, die gespannt darauf ist, was es Spannendes geben könnte, dass man es aus seiner Konzentration gerissen hat.
Ich gebe mir Mühe, seiner Erwartung gerecht zu werden, dieser Moment ist wichtig. Ich spüre, dass ich kläglich versage.
„I am going to Achill Island now. You know? For travelling on the traces of Heinrich Böll. Heinrich Böll? Heard of him? He is a famous german writer and spent a lot of time on Achill Island. They have this Heinrich-Böll-Cottage on Achill Island. For half a year young Irish writers are invited to spend some weeks there to work – and for the other half young german writers are invited. And that’s where I am going now.“
Der alte Mann antwortet mit einem angemessenen, aber nicht übertriebenen Maß an Eifer. Ich verstehe kaum etwas. Nur seinen letzten Satz: „Have a nice day!“
„Have a good one, too!“ ist das letzte, was ich ihm sage, bevor ich mein Krabbensandwich mit Kartoffelsalat und Coleslaw bezahle und die Treppe hinuntergehe. Auf der Straße ziehe ich mir die Kapuze über und ziehe den Reißverschluss hoch bis zum Anschlag. Es regnet. 
Vielleicht ist es ganz gut, wenn ausgerechnet Schafe über Gräber wachen.
Es könnte schlimmer sein.

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