Text: Der alte Mann und sein letzter Schuss

Der alte Mann und sein letzter Schuss

Weiß bestäubt die Gischt schwarze Felsen.
Weiß sprenkelt die Wolle grüne Hügel.
Wetter gibt den Takt vor.
Der menschliche Makel trägt Northface-Jacken im Partnerlook und versinkt still und leise im Torf.

Der alte Mann leert das Glas Whiskey in einem Ruck.
Sein kehliges Lachen ertränkt die Pointe. Ein Kerryman-Witz. Ein Pub im Norden von Donegal.
Gestern haben sie ihm das Wasser abgestellt. Er hat noch nie für Wasser gezahlt. Sein Vater hatte noch nie für Wasser gezahlt.
Das Whiskey-Glas füllt sich erneut.
Der alte Mann hat eine alte Luger unterm Kopfkissen. Falls die Protestanten zurückkehren. Oder falls sie ihm den Strom abstellen.
Eine Patrone hat er noch. Einen letzten Schuss.
Das Wetter lässt eine Salve Regentropfen an die Fensterscheibe trommeln.
Es könnte schlimmer sein.

Das Lachen des alten Mannes hat mit den Jahren seinen Biss verloren. Sein Alter und irische Gesundheitspolitik haben Lücken in die Zahnreihen gerissen.
Das Lächeln des alten Mannes ist das eines Säuglings:
„Them fuckin‘ cunts!“
Bevor ich Fragen stellen kann, knallt eine fleischige Hand einige sorgsam abgezählte Münzen auf den Tresen. Die zweite Hand mit gegerbter Textur deutet in meine Richtung. Der alte Mann und der Wirt tauschen ein sanftes Nicken aus, so sich der alte Mann vom Barhocker ächzt und gen Ausgang wankt.

Mit dem Öffnen der Tür zerschleißt ein scharfer Windstoß die graue Wolkendecke, und das rötliche Strahlenbündel einer versinkenden Sonne durchgleißt den Gastraum.
Kurzzeitig erscheint mir ein symmetrisches Menetekel an der getünchten Wand, bevor die schwere Holztür in ihr Schloss kracht.
Ein strahlend rostiges Kreuz verblasst gemächlich auf meiner Netzhaut.

Die Göttlichkeit der Zeit duldet in ihrer Allmacht lediglich Demut.
Die Zeit wird fein zermahlen. Die Zeit wird vergessen.
Die Zeit gewährt keinen Aufschub. Die Zeit gewährt keinen Kredit.
Die Zeit vergeht nicht. Die Zeit lässt vergehen.

Das Weiß der Krone wird vom Schwarz meines Stouts verschlungen. Ich setze den Rand des Glases an meine Lippen und trinke gierig. Ein dünner Faden des Gesöffs rinnt aus meinem Mundwinkel und tropft auf den Pullover.
Der Wirt lächelt, erlässt mir jedoch das Gespräch übers Wetter.
Vielleicht spürt er, dass ich Atheist bin.

Die Unerbittlichkeit der irischen Zeit und die Unerbittlichkeit des irischen Wetters begründen die Macht der katholischen Kirche und die Macht des Alkoholismus hierzulande.
In den kleinen irischen Dörfern sind Kirche und Pub säuberlich voneinander getrennt. Das Überqueren der Dorfstraße bestimmt über Sünde und Vergebung. Das Leben besteht aus Serpentinen.

In der Woche darf in Supermärkten zwischen 22 Uhr und 10 Uhr kein Alkohol verkauft werden. Am Sonntag darf Alkohol ab 12:30 Uhr verkauft werden. Heiligabend ist der Alkoholverkauf untersagt.

Am nächsten Morgen erfahre ich im einzigen Convenience Store an der einzigen Tankstelle im Ort, dass der alte Mann in seiner letzten Nacht seine letzte Patrone abfeuerte. Ein vom Sturm gefällter Baum hatte die einzige Stromleitung ins Dorf gekappt. Sagt der Mann hinterm Tresen.
Vielleicht wurde er auch von Protestanten gefällt. Denke ich vorm Tresen.
Wer weiß das schon so genau?

Der alte Mann hatte die Dorfstraße nicht noch einmal überquert, um Vergebung zu erlangen.

Der alte Mann wird nicht auf dem Friedhof an der kleinen Dorfkirche beigesetzt werden.
Der alte Mann wird auf dem cillín verscharrt, weit außerhalb des Dorfes, wo traditionell ungetaufte Kinder, Ausländer und Selbstmörder vergraben werden.

Die katholische Kirche verliert ihre Unerbittlichkeit nur langsam in „rural Ireland“.

Ich verlasse das Dorf. Die Fähre unten am Hafen wartet auf mich.
Ich verlasse die Republik. Nordirland drüben am anderen Ufer wartet nicht auf mich.

Es könnte schlimmer sein.

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